Vom Scribble zur Vektorgrafik: Wie gut ist die neue KI-Funktion in Adobe Illustrator?
Eine schnelle Skizze auf Papier ist oft der Anfang einer guten Idee. Bis daraus eine saubere, weiterverwendbare Vektorgrafik entsteht, braucht es allerdings einige Arbeitszeit. Genau diesen Schritt möchte Adobe Illustrator mit der KI-gestützten Funktion „Konzept zu Vektor“ vereinfachen. Die Funktion überträgt Zeichnungen und Scribbles in editierbare Vektorgrafiken und bietet dabei verschiedene Möglichkeiten, das Ergebnis zu beeinflussen – vom Prompt über die Genauigkeit bis hin zum verwendeten KI-Modell.
Aber wie gut funktioniert das im Gestaltungsalltag wirklich? Wir haben die neue Funktion mit bewusst einfachen und unperfekten Skizzen getestet und angeschaut, wie nah die Ergebnisse an der Vorlage bleiben, wie gut sie sich weiterbearbeiten lassen – und welches KI-Modell uns dabei am meisten überzeugt.
Vom Scribble zur Vektorgrafik
Für unseren Test haben wir bewusst keine perfekte Vorlage gewählt, sondern eine schnelle Skizze mit Karoraster und nur angedeuteten Details. Schließlich wollten wir wissen, wie gut „Konzept zu Vektor“ mit einem Ausgangsmaterial zurechtkommt, wie es im Gestaltungsprozess tatsächlich entstehen kann.
Die Funktion lässt sich über die kontextbezogene Taskleiste in Illustrator aufrufen. Für das Ergebnis sind vor allem drei Einstellungen interessant:
- Prompt: Hier lässt sich beschreiben, wie Illustrator die Vorlage umsetzen soll. Alternativ können Vorgaben gewählt oder das Feld freigelassen werden.
- Genauigkeit: In fünf Stufen lässt sich bestimmen, wie eng sich das Ergebnis an der ursprünglichen Zeichnung orientiert.
- KI-Modell: Zur Auswahl stehen verschiedene Modelle von GPT Image, Gemini und Flux.
Klingt zunächst überschaubar – die Kombination dieser Einstellungen hat aber einen deutlichen Einfluss auf das Ergebnis.

Gleiches Scribble, unterschiedliche Ergebnisse
Wie groß der Einfluss der Einstellungen tatsächlich ist, zeigt unser Vogel-Scribble besonders gut. Wir haben dieselbe Vorlage mit unterschiedlichen Vorgaben und KI-Modellen umgesetzt. Die Ergebnisse unterscheiden sich teilweise deutlich: Einige Varianten interpretieren die Vorlage stärker neu, andere bleiben näher an der ursprünglichen Linienführung.

Wie gut lässt sich das Ergebnis weiterbearbeiten?
Am meisten überzeugt hat uns in unserem Test die Vektorgrafik von GPT. Sie bleibt nah am Charakter der Vorlage und besteht aus vergleichsweise sauberen Pfaden mit wenigen Ankerpunkten. Das ist ein wichtiger Punkt: Entscheidend ist in unserem Agentur-Workflow nicht nur, wie das generierte Bild aussieht, sondern auch, wie gut es sich anschließend in Illustrator weiterbearbeiten lässt.
Im Vergleich zum klassischen Illustrator-Werkzeug „Bildnachzeichner“, das wir bisher für ähnliche Aufgaben eingesetzt haben, ist das Ergebnis für diese Vorlage deutlich besser verwendbar. Aber: Ganz ohne Handarbeit geht es trotzdem nicht. Bei der Titelgrafik haben wir „Konzept zu Vektor“ für die Vektorisierung genutzt, die Colorierung anschließend aber selbst mit „Interaktiv malen“ umgesetzt.
Die Drehscheibe im Test: eine Illustration aus mehreren Perspektiven
Im nächsten Schritt nutzen wir das beste Ergebnis aus Schritt 1, um die Funktion Drehscheibe auszuprobieren. Sie soll es ermöglichen, eine Vektorgrafik aus unterschiedlichen Blickwinkeln darzustellen. Seit dem Frühjahr 2026 ist sie nicht mehr nur in der Beta-Version, sondern regulär in Illustrator zu finden.

Wie gut funktioniert die Drehscheibe?
Bei unserem Vogel ist das Ergebnis in Ordnung. Die Illustration wird scheinbar eher als flache 2D-Grafik interpretiert. Aufgrund des einfachen Zeichenstils ist das allerdings nachvollziehbar. Wie brauchbar die Funktion im Gestaltungsalltag ist, hängt deshalb stark von der jeweiligen Vorlage ab. Gerade bei einfachen, geometrisch aufgebauten Illustrationen haben wir damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Interessant wird die Funktion vor allem dann, wenn für eine Illustration mehrere Perspektiven benötigt werden. Statt jede Ansicht komplett neu aufzubauen, kann die Drehscheibe einen Ausgangspunkt liefern, der anschließend weiterbearbeitet wird.
Fazit: Hilfreiches Werkzeug, aber kein Selbstläufer
Unser Test zeigt: „Konzept zu Vektor“ kann den Weg vom Scribble zur bearbeitbaren Illustration deutlich verkürzen. Gerade bei einfachen Zeichnungen entstehen inzwischen Ergebnisse, mit denen sich gut weiterarbeiten lässt.
Ein fertiges Gestaltungsergebnis auf Knopfdruck liefert die Funktion allerdings nicht. Welche Qualität entsteht, hängt stark von der Vorlage, den gewählten Einstellungen und dem verwendeten KI-Modell ab. Und auch die gestalterische Nachbearbeitung bleibt wichtig.
Ähnlich sieht es bei der Drehscheibe aus: Nicht jede Vorlage liefert automatisch überzeugende Perspektiven. Bei geeigneten Illustrationen kann die Funktion aber einen interessanten Ausgangspunkt schaffen und Arbeitsschritte vereinfachen. Genau darin sehen wir derzeit den größten Nutzen von KI im Designprozess: Sie ersetzt nicht die gestalterische Entscheidung, kann aber einzelne Arbeitsschritte beschleunigen und neue Wege im Entwurfsprozess eröffnen. Deshalb testen wir bei schweitzer media neue Werkzeuge regelmäßig und integrieren sie dort in unseren Workflow, wo sie sich in der Praxis tatsächlich bewähren.